

Glücksspiel, Korruption, Sex-Affären
und Alkoholexzesse: Der einstige Liebling der Massen, Joseph Estrada,
(Ex-) Staatspräsident der Philippinen, spielte in Filmen gern den großen
Bruder der Armen und Unterdrückten. Doch in nur zwei Jahren seiner Amtszeit
hatten sich viele an ihm sattgesehen. Am 21.1.2001 wurde Estrada mit
einem "Volks-Putsch" abgesetzt.
Am Dienstagabend (16.1.2001) brach das Hupkonzert los. Anschließend
gab es in Manila keine Ruhe mehr. Hunderttausende Estrada-Gegner versammelten
sich seitdem täglich vor der Gedenkstätte, die an den Volksaufstand
von 1986 erinnert, bei dem der despotische Diktator Ferdinand Marcos
aus dem Lande gejagt wurde.
Was Teile der philippinischen Bevölkerung endgültig aufgebracht hatte:
Am Dienstag wurde das Amtsenthebungsverfahren gegen Estrada - seit Dezember
ist er wegen illegalen Glücksspiels angeklagt - durch den gemeinsamen
Rücktritt der Ankläger abgebrochen. Streitpunkt: Ein mysteriöser Umschlag
der philippinischen Equitable/PCI-Bank. Die Ankläger forderten, diesen
als Beweis zuzulassen, weil er ihrer Meinung nach Angaben darüber enthalte,
auf welche Konten Estrada Schwarzgelder verschoben habe. Insgesamt soll
Estrada mindestens 64 Mio US-Dollar auf dunklen Kanälen seit seinem
Amtsantritt 1998 bei Seite geschafft haben. Doch der Bankumschlag musste
verschlossen bleiben. 11 der 21 Senatoren des Amtsenthebungsverfahrens
stimmten dagegen. Senatspräsident Aquilino Pimentel Jr. war daraufhin
als erster zurückgetreten.
Das war die Stunde der Corazon Aquino. Wie bereits 1986 gegen Marcos
formierte die Ex-Präsidentin (1986-1992) den Widerstand gegen Estrada.
Schließlich ist die Liste der Vorwürfe gegen ihn lang: Dem Staatspräsidenten
wird Bestechlichkeit vorgeworfen, Frauengeschichten - das wiegt im katholisch
geprägten Inselstaat besonders schwer -, dazu Alkohol-Exzesse und Korruption.
Der deutsche Bundesnachrichtendienst streut sogar den Verdacht, dass
Lösegelder für die Familie Wallert und die anderen Geiseln auf der Insel
Jolo in Estradas Taschen geflossen sein sollen.
Dabei wurde das ehemalige Idol der Filipinos noch 1998 mit der bislang
deutlichsten Mehrheit in der Geschichte des Landes in sein Amt gewählt.
Gegen den Widerstand der katholischen Kirche und der Medien hob das
Volk erstmals einen Mann aus einfachen Verhältnissen auf den Präsidentenstuhl.
Er war einer wie sie. Auch auf der Leinwand hatte der philippinische
Film-Rambo Estrada stets ein weiches Herz für die kleinen Leute.
Doch schnell wurde Estradas Unfähigkeit bekannt und gilt weltweit
als unbestritten. Korruption und Amtsmißbrauch müssen zwar
auf den Philippinen zur politischen Kultur gezählt werden. Doch
Estrada - "Ich habe ein pornografisches Gedächtnis" -
beging den folgenschweren Fehler, sich erwischen zu lassen.
Bis Freitag, 20. 1. 2001 domonstrierten in Manila Hunderttausende gegen
Estrada. Wenige auch für ihn. Ein Karrikaturist kommentierte die
Demos so: Ein Demonstrant hält in der linken ein pro-Estrada-Plakat,
in der Rechten ein Kontra-Plakat und sagt: "Warum soll ich arbeiten
gehen. Demonstrieren bringt mehr ein."
Am Nachmittag des des 20. Januar wandten sich schließlich auch
Polizei und Militär vom Präsidenten ab und verweigerten ihm
Gehorsam. Estrada war machtlos.
Aus der Sicht der philippinschen Verfassung gilt vor allem die Rolle
des Militärs als bedenklich. Armeechef General Angelo Reyes stellte
sich mit seiner Entscheidung in juristische Abseits. Denn der Staatspräsident
der Philippinen ist zugleich der oberste Befehlshaber der Armee.
Ebenfalls verfassungsrechtlich bedenklich ist die Entmachtung Estradas.
Aus diesem Blickwinkel besehen handelte es sich eigentlich um einen
friedlichen, unblutigen "Volks-Putsch", als am 21. 1. 2001
Estradas Vertreterin Gloria Macapagal-Arroyo an der EDSA-Gedächtnisstätte
öffentlich als Staatspräsidentin vereidigt wurde. Estrada
war bis dahin nicht zurückgetreten. Die einzige juristisch einwandfreie
Möglichkeit den Staatschef zu entlassen, wäre ein ordentliches
Impeachment-Verfahren gewesen. Doch dies war ja am vorangegangenen Dienstag
abgebrochen worden.
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