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Stand 6/1998
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Hai-Spezial
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Haie: Die faszinierenden Jäger der Meere sind
bedroht
Text von Greenpeace
Die Umsetzung der "Greenpeace-Prinzipien für eine ökologische
Fischerei" wird die Haie retten
Schon seit über 400 Millionen Jahren
schwimmen sie durch die Meere der Welt, lange bevor die ersten Saurier aus
dem Ei schlüpften. Haie sind doppelt so alt wie Dinosaurier oder die
ersten Säugetiere; sie zählen zu den ältesten lebenden Wirbeltieren. Nach
Jahrmillionen evolutionärer Verfeinerung brachte die Natur den elegant
geformten Jäger hervor, den wir heute kennen. Viele Haiarten existieren
beinahe unverändert seit über 60 Millionen Jahren, als die Dinosaurier
sich von der Erde verabschiedeten.
Gestalt, Sinnesorgane und
Anpassungsfähigkeit machen Haie so erfolgreich, daß sie bis heute in
größerer Artenzahl überlebten als die Mitglieder irgendeiner anderen
Wirbeltierklasse. Wissenschaftler unterscheiden etwa 380 Arten, vom 15
Zentimeter kurzen Steuerschwanz-Katzenhai bis zum fast 14 Meter langen
Walhai - dem größten Fisch überhaupt.
Lebensweise, Nahrung und Verhalten
variieren enorm; nicht alle sind Jäger. Der Walhai zum Beispiel kommt
sanftmütiger daher. Sein monströses, knapp zwei Meter breites Maul öffnet
er nur, um Plankton zu "schlürfen". Pro Stunde filtriert er mehrere Tonnen
Meereswasser. Besonders sportlich wirkt der bis zu drei Meter lange
Großflossen-Mako, wenn er wie ein Delphin vollständig aus dem Wasser
schnellt. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 56 Kilometern pro Stunde
gehört er außerdem zu den schnellsten Haien. Das ungewöhnlichste Gesicht
zeigt zweifellos der Hammerhai, den die Evolution in besonderer Weise an
seine Umgebung angepaßt hat. Sein breiter, flacher Kopf wirkt wie eine
Antenne und kann selbst schwache elektrische Reize wahrnehmen. So kann er
als Beute sogar die im Sand vergrabenen Stechrochen
aufspüren.
Haie haben sich an jeden
Meereslebensraum angepaßt, von der Arktis und Antarktis über die
gemäßigten Breiten bis zu den Tropen. Sogar Süßwasserbereiche haben sie
erobert: Der Gemeine Grundhai beispielsweise wagt sich weit in Flüsse und
Seen vor, bis über 3000 Kilometer vom nächsten Salzwasser entfernt. Der
bis zwei Meter lange Gangeshai gebärt seinen Nachwuchs wahrscheinlich im
Süßwasser. Während sich die meisten Haie sowohl in Küstennähe als auch auf
hoher See aufhalten, aber nicht tiefer als 300 Meter tauchen, ist zum
Beispiel der Pazifische Schlafhai weit draußen in 1000 Metern Tiefe zu
Hause.
An der Spitze der
Nahrungskette:
Der "Wolf der Meere" Im Ökosystem spielen
viele Haie eine Schlüsselrolle. Die Beutegreifer stehen an der Spitze
der Nahrungspyramide und bilden das marine Pendant zum Wolf oder Bär,
Tiger oder Adler. Solche Jäger halten die Populationen ihrer Beutetiere
"in Schach" und fressen überwiegend die Schwächsten und Kranken. Da sich
Meeres-Ökosysteme über Millionen von Jahren als Ganzes entwickelt haben,
kommt jedem Teil eine wichtige Funktion zu. Wenn ein Jäger von der
Spitze der Nahrungskette entfernt wird, kommt es vor, daß sich die
Beutetiere explosionsartig vermehren, und das sorgsam austarierte
Gleichgewicht ins Wanken gerät. Vor der Küste Floridas haben sich zum
Beispiel durch den Rückgang der Hammerhaie die Stachelrochen extrem
vermehrt. Und wegen Überfischung der Haie in Tasmanien und Australien
nahmen Tintenfische dermaßen zu, daß die Zahl der Hummer, ihrer Nahrung,
drastisch zurückging.
Hochentwickelte Fortpflanzung Während
die Weibchen der meisten Fischarten Tausende von Eiern produzieren, die
sie im Wasser besamen lassen, paaren sich Haie wie höher entwickelte
Wirbeltiere auch. Sie werden erst mit zehn bis zwölf Jahren
geschlechtsreif und viele haben nur alle zwei bis drei Jahre Nachwuchs.
Die Trächtigkeit dauert mit drei Monaten bis einem Jahr ziemlich lange.
Mit zwei bis zwanzig Jungen pro Wurf erzeugen sie obendrein relativ
wenige Nachkommen - sie vermehren sich also sehr langsam. Der in der
Nordsee heimische Dornhai wird sogar erst mit 25 Jahren geschlechtsreif,
seine Jungen kommen nach einer Tragezeit von fast zwei Jahren zur
Welt.
Die Weibchen einiger Haiarten legen die befruchteten Eier im
Wasser ab. Ein ledrige Hülle schützt die Embryonen, die sich vom
Eidotter ernähren. Viele Haiarten bringen sogar voll entwickelte Junge
zur Welt, zum Beispiel der Blau- und Zitronenhai, Hammer- und Stierhai.
Wie bei Säugetieren verbindet eine Nabelschnur die reifenden Jungen mit
der Mutter. Nach der Geburt müssen sie jedoch alleine klarkommen, die
Mutter schwimmt auf Nimmerwiedersehen davon. Nur fünf Prozent der Haie
gebären ihren Nachwuchs auf hoher See; die große Mehrheit ist auf
intakte Lebensräume an den Küsten angewiesen, die als Geburts- und
Kinderstuben dienen. Dies gilt genauso für die Nordsee, wie für die
Flachwasserzonen tropischer Mangrovenwälder.
Medizinischer Fortschritt durch Forschung am Hai?
Das Skelett der Haie besteht nicht aus Knochen, sondern aus
Knorpel. Weil sie die ersten Lebewesen in der Evolution waren, die ein
Immunsystem entwickelt haben, versprechen sich Biomediziner von dessen
Erforschung wichtige Erkenntnisse über die Funktion des menschlichen
Immunsystems. Für die medizinische Forschung sind Haie noch aus anderen
Gründen wichtig. Die Hornhaut des Haiauges wird als Transplantat für
Menschen erprobt. Haiblut enthält Substanzen gegen Verklumpung; Leberöl
scheint die Produktion der weißen Blutkörperchen anzukurbeln, außerdem
ist es eine aktive Substanz in Medikamenten gegen
Hämorrhoiden.
Das Sinneswunder Haie sind keineswegs
primitive Wesen mit kleinen Hirnen. Im Verhältnis zur Körpergröße
besitzen Haie ein ebenso großes Gehirn wie Vögel oder Säugetiere. Die
Verbindungen zwischen verschiedenen Hirnzentren machen die Knorpelfische
vermutlich lernfähig. Für Menschen ist es unvorstellbar, wieviele
Sinneseindrücke gleichzeitig auf einen Hai wirken und sein Verhalten
beeinflussen. Tausende von Sinneszellen schicken ihre Signale ans
Gehirn, die von chemischen, optischen, akustischen, mechanischen und
elektrischen Reizen ausgelöst werden. Geräusche, wie sie vom Zappeln
eines verwundeten Fisches ausgehen, locken einen Hai aus großer
Entfernung an. Sein Gehör ist auf niedrigere Frequenzen spezialisiert
als das des Menschen. Sobald sich der Jäger der Geräuschquelle nähert,
riecht er womöglich Blut, was ihm die Orientierung erleichtert. Mit
Hilfe von Riechgruben an der Schnauze spürt er chemische Substanzen aus
Blut und Fleisch in unglaublich geringen Konzentrationen auf, selbst in
millionenfacher Verdünnung. Den Rekord halten bestimmte Riffhai-Arten,
die Fleischextrakte selbst in einer Verdünnung von 1 zu 10 Milliarden
riechen. Haie nehmen außerdem elektrische Spannungsfelder wahr, die vom
Herzschlag oder von Muskelkontraktionen der Beute stammen. Dieses
empfindliche Sinnesorgan, die "Lorenzini`schen Ampullen", besteht aus
dünnen, schleimgefüllten Kanäle, die über Poren mit der Hautoberfläche
verbunden sind. Weitere Informationen gewinnt der Hai optisch, während
er seine Beute umkreist oder über den Tastsinn, falls er sie mit der
Schnauze anstößt.
Hai-Angriffe sind äußerst selten: "Mörder"- Image besteht zu
Unrecht Für viele ist ein Hai der Inbegriff des
Schreckens, obwohl ihm nur wenige Menschen zum Opfer fallen. Zwischen 50
und 75 Haiangriffe werden dem "International Shark Attack File", dem
weltweiten Sammelregister, pro Jahr gemeldet. Fünf bis 15 davon enden
tödlich. So tragisch das ist, man sollte doch die Relation im Auge
behalten: Millionen Menschen baden täglich im Meer, für sie ist das
Risiko, von einem Hai attackiert zu werden, minimal. Es sterben deutlich
weniger Menschen durch einen Hai, als durch Bienenstiche oder
Blitzschlag. Laut Unfallberichten sind ohnehin nur 44 der 380 Hai-Arten
als gelegentliche Angreifer bekannt. Dazu gehören der Weiße Hai, Bullen-
und Sandtigerhai, Gemeiner Grundhai sowie verschiedene Arten von
Riffhaien. Der Weiße Hai, der im gleichnamigen Film als "mordende
Freßmaschine" inszeniert wird, geht unter natürlichen Bedingungen nur
alle ein bis zwei Monate auf Jagd. Die berüchtigten Gruselbilder in Film
und Fernsehen werden häufig erst durch gezielte Provokation mit blutigen
Ködern möglich. Der Mensch gehört nicht zum Futterspektrum von Haien, an
ihm ist einfach zuwenig "dran". Haie lieben fette Beute wie Robben und
Seehunde. Einen Menschen attackieren sie normalerweise nur, wenn er in
ihr Territorium eindringt, beim Paarungsritual stört oder wenn viel Blut
im Wasser ist, wie nach einem Schiffs- oder
Flugzeugunglück.
Gezielte Angriffe auf Taucher oder Surfer beruhen anscheinend auf
einer fatalen Verwechslung: Wer bäuchlings auf einem Surfbrett paddelt,
ähnelt aus Sicht des Hais einer Robbe. Meist bemerkt er den Irrtum nach
dem ersten Biß und läßt von seinem Opfer ab.
Der Mensch dagegen jagt den Hai in einer Größenordnung, die
einige Arten an den Rand der Ausrot-tung treiben. Elf Arten stehen
bereits auf der Roten Liste, etwa 70 Arten gelten als gefährdet. Nach
Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO sterben jährlich 100
Millionen Haie durch die Fischindustrie. 700.000 Haie werden allein
durch Langleinenfischer im Pazifik getötet, 80.000 Blauhaie durch die
französische Treibnetzflotte im Nordostatlantik.
Haie sind Opfer des Menschen Je mehr die
Bestände traditioneller Speisefische durch den Raubbau der industriellen
Fangflotten schwinden, desto stärker werden andere Arten genutzt, also
auch Haie. Deutschland gehört zwar nicht zu den Fangnationen, aber der
hiesige Markt für Haiprodukte floriert. Sie verstecken sich hinter
phantasievollen Bezeichnungen, so daß die meisten Verbraucher nicht
wissen, was sie wirklich kaufen. Eine beliebte Delikatesse sind
"Schillerlocken" - die geräucherten Bauchlappen des kleinen Dornhais,
der in der Nordsee und im Nordost-Atlantik längst überfischt und
gefährdet ist. Sein Rückenfilet bieten die Fischhändler als "See-Aal"
an, Heringshaie firmieren unter "Kalbsfisch", "Seestör" oder
"Karbonadenfisch". Viele große Supermärkte und Restaurants führen
Haisteaks im Sortiment.
Haie sind Opfer der modernen Fangmethoden mit immer größeren
Netzen oder längeren Leinen. Früher galten
Knorpelfische oft als "unnützer Beifang", der wieder über Bord ging.
Heute werden sie vor allem wegen ihrer lukrativen Flossen gejagt, die in
Asien als Delikatesse gelten. Suppen mit Haiflossen gibt es zunehmend
auch in der Bundesrepublik, besonders in Läden mit asiatischen
Lebensmitteln oder Restaurants. Ihren Geschmack erhält die
"Haifischflossensuppe" allerdings nur durch Gewürze.
Zum Großabnehmer für Haiprodukte hat sich inzwischen auch die
Pharma- und Kosmetikindustrie gemausert. Collagen, ein Zauberwort für
viele Schönheitscremes, gewinnen die Hersteller aus den Knorpelskeletten
hunderttausender Haie und Rochen. Die riesige Leber, die beim Hai bis zu
20 Prozent des Körpergewichts ausmachen kann, enthält eines der feinsten
Naturöle, Squalen genannt. Es wird zunehmend für Salben, Cremes und in
der Feinmechanik verwendet.
Schwindel mit angeblichen Krebsmitteln Weil
Haie selten von Tumoren befallen sind, finden angebliche
"Antikrebspillen" aus getrocknetem Haiknorpel reißenden Absatz.
Millionen von Krebskranken, nicht nur in den USA, sondern auch in
Europa, hoffen auf Genesung durch diese vollkommen wirkungslosen
Präparate. "Ebenso könnte ein Kurzsichtiger versuchen, seine Sehkraft
durch den Verzehr von Adlerfleisch zu stärken," kommentiert der
Biochemiker Carl Luer, der seit vielen Jahren an einem
Meeresforschungslabor in Florida/USA Haiknorpel erforscht.
Einer der Hauptproduzenten der dubiosen Mittel in Costa Rica
verarbeitet nach eigenen Angaben mehr als 200 Haie täglich
beziehungsweise 350.000 Kilogramm ihres Fleisches pro Monat. Der
getrocknete Knorpel wird in die USA und nach Europa exportiert. Und
solche Spezialverarbeiter gibt es viele in Mittelamerika. Die meisten
Haie werden als Jungtiere gefangen, bevor sie geschlechtsreif sind. Das
zeigt, daß die Zahl der ausgewachsenen, fortpflanzungsfähigen Tiere
bereits stark dezimiert ist und mangels Nachwuchs ein Zusammenbruch der
Bestände absehbar ist. Wissenschaftler warnen vor den Folgen für die
hochempfindlichen Ökosysteme tropischer Küstenmeere, Folgen, die auch
die Fischer von Speisefischen zu spüren bekommen
werden.
Wenn es gelingt die Fischereimethoden
so zu verändern, daß ein Überleben der Haie garantiert wird, dann werden
auch die Fischer eine Überlebenschance haben. Mit den Haien ist es wie mit
den Walen: Sie sind Indikatoren für den Gesamtzustand unserer Meere. Wenn
die Haie verschwinden, werden auch viele andere Arten verschwinden und die
Lebensvielfalt der Meere weiter verarmen - es liegt in unserer
Hand.
Greenpeace fordert:
- Politik, Fischindustrie und Handel müssen die
"Greenpeace-Prinzipien für eine ökologische Fischerei" innerhalb von
zehn Jahren umsetzen.
- Verzicht auf den Verkauf von Haiprodukten, bis garantiert
werden kann, daß keine Bestände oder Arten bedroht werden. Herkunft und
Fangmethode der Produkte müssen dann ersichtlich sein.
- Sofortiger Verzicht auf Produkte von gefährdeten Arten wie
Dornhai, Heringshai oder Weißer Hai.
Das können Sie tun:
- Kaufen Sie keine aus gefährdeten Tierarten hergestellte
Waren. Dazu gehören alle Haiprodukte wie Schillerlocken, Haisteak und
Haifischflossensuppe.
- Schreiben Sie an den Bundesverband der deutschen
Fischwirtschaft und fordern Sie den Verzicht auf Haiprodukte und die
Kennzeichnung von Produkten nach den "GreenpeacePrinzipien für
eine ökologische Fischerei".
- Schreiben Sie an den Bundesminister für Landwirtschaft und
fordern Sie ihn auf, die Fischerei-Prinzipien von Greenpeace zur
Grundlage der Fischereipolitik zu machen und innerhalb von zehn Jahren
umzusetzen.
Adressen:
Bundesmarktverband der
deutschen Fischwirtschaft e.V.
Große Elbstraße 133, 22767 Hamburg
Bundesminister für Landwirtschaft,
Ernährung und Forsten
Rochusstraße 1, 53123
Bonn V.i.S.d.P.: Peter Pueschel,
Leiter der Meereskampagne
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